Ein kleiner Insektenstich hat das Leben von Yvonne Martens ganz plötzlich verändert. Was einst harmlos war, ist zum lebensgefährlichen Risiko geworden. „Als Kind und Teenager wurde ich X-Mal von Wespen gestochen und nichts ist passiert“, sagt Yvonne Martens aus Deinste, einer Gemeinde im Landkreis Stade.

Doch vor rund zweieinhalb Jahren reagiert sie erstmals allergisch. „Ich wurde zwei Mal kurz hintereinander gestochen“, erinnert sich die 36 Jahre alte Mutter einer vierjährigen Tochter.

Eine Wespe sticht Yvonne Martens in die Hand. Diese schwillt stark an, ihr wird schwindelig und übel. „Das habe ich damals aber alles noch nicht so ernst genommen.“ Erst als sie knapp drei Wochen später wieder von einem der schwarz-gelben Plagegeister gestochen wird, macht sie sich Gedanken. „Dieses Mal erwischte mich eine Wespe am Unterarm.“ Zur starken Schwellung kommen wieder Schwindel, Übelkeit und dieses Mal auch Atemnot.

„Etwa 20 bis 25 Prozent der Menschen reagieren allergisch auf Bienen- oder Wespenstiche. Bei drei bis dreieinhalb Prozent kommt es zu heftigen und gefährlichen Reaktionen“, weiß Professor Dr. Harald Löffler, Direktor der Hautklinik SLK-Kliniken Heilbronn.

So sterben hierzulande jedes Jahr bis zu 20 Menschen an den Folgen eines Insektenstichs. Für die Deutschen, die eine Insektengiftallergie haben, besteht in den Sommermonaten permanente Lebensgefahr. Doch davon ahnen sie oft nichts.

„Auch wer in der Vergangenheit bei Bienen- oder Wespenstichen keine Reaktion gezeigt hat, kann zu einem späteren Zeitpunkt eine Allergie entwickeln. Ein Mensch muss allerdings mindestens einmal von einem Insekt gestochen worden sein, um dagegen allergisch zu sein. Zudem ist es möglich, dass sich die allergische Reaktion von Stich zu Stich steigert. Ebenso kann sie schwächer ausfallen, das ist nicht vorhersehbar. Die Gefahr einer lebensbedrohlichen Reaktion bei Insektengiftallergikern besteht immer.“

Der Schock nach dem Wespenstich

Es dauert ein paar Tage, bis Yvonne Martens wieder richtig fit ist. Nach diesem Erlebnis geht sie zum Arzt. Der schickt sie in die Dermatologische Ambulanz ins Krankenhaus nach Buxtehude. Dort diagnostizieren die Ärzte durch einen Bluttest eine Insektengiftallergie gegen Wespen. Die gute Nachricht für alle Betroffenen: Eine Insektengiftallergie kann so effektiv behandelt werden wie kaum eine andere lebensbedrohliche Krankheit.

Prof. Loeffler: „Gefahrensituationen sollten aber vermieden werden. Bienen mögen es nicht, wenn Menschen ihrem Bienenstock zu nahe kommen, auch in Kleewiesen ist Vorsicht geboten. Wespen fühlen sich von Essen und Getränken angezogen und tummeln sich in der Nähe von Mülleimern.

Außerdem ganz wichtig: den Tieren niemals aggressiv begegnen und sie wegschlagen, sondern ruhig bleiben. Kommt es doch zu einem Stich, sollte der Stachel so schnell wie möglich entfernt werden. Denn an diesem befindet sich eine Giftblase. Um diese nicht weiter in die Haut zu drücken, sollte der Stachel nicht herausgezogen, sondern weggekratzt werden.“

Die Allergie-Impfung kann die Gefahr minimieren

Yvonne Martens entschließt sich sofort zu einer Allergie-Impfung. Dabei wird regelmäßig eine definierte Dosis Insektengift unter die Haut des Oberarms gespritzt, um den Körper allmählich an das Gift zu gewöhnen.

„Meine Tochter Nele war damals zwei Jahre alt, und wir waren viel draußen unterwegs.“ Egal ob Picknick, Spielplatz oder Zoo, ein Stich hätte nicht nur für Yvonne Martens gefährlich sein können. „Was, wenn ich einfach umgekippt wäre? Meine Kleine wäre ganz allein gewesen.“ Das sei nicht mehr zu verantworten gewesen, sagt Yvonne Martens. „Ich hatte mehr Angst um meine Tochter als um mich.“

Yvonne Martens erhält umgehend ein Notfallset, das unter anderem einen Adrenalin-Autoinjektor und Cortison enthält. „Ich habe meinen Freunden und auch den Kollegen bei der Arbeit gleich davon erzählt, und was sie im Ernstfall zu tun haben.“

Als Firmenkundenberaterin begegnen ihr zwar selten Wespen, „aber wissen konnte man das nie.“ Das Notfallset habe sie zum Glück nie einsetzen müssen, sagt sie erleichtert.

Mehr Lebensqualität dank Hyposensibilisierung

Im Januar 2012, etwa zwei Monate nach der Diagnose, beginnt Yvonne Martens mit der Allergie-Impfung. Zu Beginn der Therapie wird sie drei Tage stationär aufgenommen. „Da war mir doch etwas mulmig. Aber alles klappte gut. Mein Arm schwoll zwar stark an und juckte höllisch, aber ich fühlte mich im Krankenhaus super gut aufgehoben.“ Alle vier Wochen bekommt sie nun einen kleinen Pieks in den Oberarm. „Ich bin jetzt bei meiner 38. Spritze, 60 sollen es am Ende sein.“

Für Yvonne Martens hat sich durch die Therapie viel verändert. „Es ist ein besseres Gefühl.“ Auch wenn die Behandlung noch nicht abgeschlossen ist, fühlt sie sich sicher. „Es war sofort klar, dass ich das machen will. Nur das Notfallset, das wäre mir zu riskant gewesen, besonders wegen meiner kleinen Tochter.“ Außer einer kleinen Quaddel nach der Spritze habe sie keine Nebenwirkungen.

Nach der Spritze muss sie noch eine halbe Stunde im Krankenhaus bleiben, falls es ihr doch mal nicht gut gehen sollte. „Das ist aber noch nie vorgekommen. Mir geht es gut damit.“

Seit dem Beginn der Hyposensibilisierung ist Yvonne Martens gelassener im Umgang mit den lästigen Tieren. „Letztes Jahr hatten wir ein Wespennest auf dem Balkon hängen, und ich war viel entspannter als mein Mann“, scherzt sie. Und natürlich versuche sie, Wespen aus dem Weg zu gehen, „aber ich werde nicht gleich panisch.“

Auch bei Tochter Nele versucht Yvonne Martens, Ruhe zu bewahren. „Ich habe keine Angst, dass sie auch allergisch sein könnte. Gestochen wurde sie bislang noch nicht, aber ich kann sie auch nicht vor allem beschützen.“ Wichtig sei: „Bloß ruhig bleiben, nicht wild um sich schlagen und hoffen, dass die Wespe wieder abhaut.“

Die Allergie-Impfung lasse sich gut in den Alltag integrieren, erklärt Yvonne Martens. Es dauere nicht lange, der kleine Pieks schmerze kaum und nach 30 Minuten sei alles vorbei. „Ich würde mich immer wieder dafür entscheiden und kann es jedem Allergiker nur raten“, sagt sie.

Seit ihrem folgenreichen Stich ist sie übrigens nicht mehr gestochen worden. „Das bleibt hoffentlich auch so.“ Und auch wenn sie Wespen nun gelassener entgegentritt, ist sich Yvonne Martens einer Sache sicher: „Von allem, was einen Stachel hat, werde ich nie ein Freund sein.“