Was hat sich seit dem Beginn Ihrer Betrachtung im Forschungsfeld der Allergien verändert?  

Eine Menge! In den 90er Jahren lag der Fokus auf Schadstoffen durch Rauchen und Luftverschmutzung als ein wichtiger Risikofaktor für Asthma und Allergien. Heute wissen wir, dass es noch andere Risikofaktoren wie zum Beispiel Stress, Übergewicht und Ernährung gibt und auch Schutzfaktoren, wie zum Beispiel das Aufwachsen auf dem Bauernhof.

Gibt es bestimmte Perioden im Leben eines Kindes, die besonders empfindlich für Schutz- und Risikofaktoren sind?

Allerdings, dies ist die Schwangerschaft, in welcher mütterliche Expositionen schon eine Rolle für die Entstehung von Asthma und Allergien spielen. An erster Stelle ist das Aktivrauchen der Mutter zu nennen, welches das Asthmarisiko des Kindes erheblich erhöht. Aber auch Stress der Mutter kann ein Risiko für das Kind sein. Hingegen wirkt sich der mütterliche Kontakt zu Nutztieren auf einem Bauernhof
schützend aus.

Hat sich nicht auch die Empfehlung für Säuglinge und Kleinkinder geändert, wenn möglich alle Aller-gene, insbesondere in der Beikost, zu vermeiden?

Das stimmt. Heute denken wir, dass dies nicht richtig ist. Bei Kindern mit Neurodermitis ist zum Beispiel gezeigt worden, dass der regelmäßige Konsum von Erdnüssen im frühen Kindesalter zu einer Toleranz führt. Auch gibt es Hinweise, dass eine diverse Einfuhr von Beikost eher ein Schutz vor Allergien darstellen könnte. Studien zeigen auch, dass es gut ist, wenn im Haus schon ein Hund ist, wenn ein Kind geboren wird. Allerdings sind diese Daten noch nicht so hieb- und stichfest, dass es schon allgemeine Empfehlungen dazu gibt. Aber es ist klar, dass eine Vermeidung nicht mehr sinnvoll erscheint.

Warum? Helfen uns heute nicht umso mehr Reinigungsmittel und Co. möglichst rein zu leben und Allergieauslösern zu entkommen?

Ganz im Gegenteil. Lassen Sie uns ganz einfach in andere Kulturen schauen, die keine Allergien kennen, wie zum Beispiel in China oder Afrika auf dem Land. Da gibt es viel Kontakt zu Nutztieren, deren Exkrementen, fermentierten Nahrungsmitteln und auch Parasiten. Da wollen wir sicher nicht wieder hin. Die Herausforderung aber ist, aus solchen Beispielen zu lernen, wie wir uns in unserer modernen Gesellschaft schützen können. Wir sind hier allerdings noch ganz am Anfang, das Verständnis der komplexen Welt der Mikroben für Asthma- und Allergieentwicklung zu entschlüsseln. ′