Die Diagnose war 2007 bei der Vorbereitung einer Brustkrebsbehandlung gestellt worden. Wenige Wochen nach der erfolgreichen Operation der Brust begab sich meine Frau in die Obhut einer Lungenklinik. Knapp ein Jahr danach wurde ein Rezidiv im Operationsgebiet festgestellt und sie wurde erneut operiert. Während der anschließenden Chemotherapie zeigten sich neue Metastasen im linken Lungenflügel. Daraufhin bekam meine Frau ein Medikament, das diese in wenigen Monaten verschwinden ließ. Kurze Zeit später zeigte sich im CT eine neue Metastase, eine Mutation, wie sich später herausstellte. Da es nur noch zwei Wochen bis zum Beginn unserer Reise waren, beschloss meine Frau nach Rücksprache mit den Ärzten, weitere Behandlungen zurückzustellen und sich in das Abenteuer „Camino de Santiago“ zu stürzen. Die beiden aufeinanderfolgenden Krebsdiagnosen warfen mich aus der Bahn. Im Internet las ich von sehr geringen Überlebenschancen bei Lungenkrebs. Nie vergesse ich den Moment, als sich die Tür des Aufzugs schloss, mit dem meine Frau in ihrem Bett zur OP gebracht wurde. Ich hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Ich fuhr zu meiner Arbeitsstelle, aber dort war ich zu nichts zu gebrauchen. Ich hatte Angst, Angst vor dem baldigen Tod meiner Frau.

Meine Frau hat die Operationen und die weitere Behandlung ihres Krebses mit großem Optimismus überstanden. Seit 2012 ist ihr Körper frei von Metastasen, sie gilt damit als Langzeitüberlebende. Auf der fünfwöchigen Pilgerreise nach Santiago haben wir beide eine Befreiung von der Last der Erkrankung erfahren. Der Weg hat meiner Frau nicht nur die Kraft gegeben, den Krebs zu akzeptieren und mit ihm zu leben, sondern er hat auch unserer Beziehung eine neue Basis gegeben. Meine Frau hat die Geschichte ihrer Erkrankung und die heilende Wirkung des Jakobsweges in ihrem Buch „Pilgern als Therapie“ festgehalten. Als ich 2015 die Diagnose Prostatakrebs erhielt, konnte ich mich gelassen und ohne Angst in die Behandlung begeben.

Seit 2010 engagieren sich meine Frau und ich in der Selbsthilfe Lungenkrebs Berlin. Ich arbeite darüber hinaus ehrenamtlich für den Bundesverband Selbsthilfe Lungenkrebs. Wir sind beide überzeugt, dass die Selbsthilfe für die Betroffenen eine wirksame Stütze auf dem Weg durch ihre Erkrankung sein kann. Das Beispiel meiner Frau gibt vielen Betroffenen und ihren Angehörigen Hoffnung und Motivation. In den Gruppensitzungen wird viel gelacht, aber auch getrauert. Die Vorsitzende der Selbsthilfe Lungenkrebs Berlin, Barbara Baysal, kann dank ihres großen Erfahrungsschatzes viele Fragen beantworten, die während der Arztgespräche oft auf der Strecke bleiben. Ihre unermüdliche Arbeit für die Selbsthilfe Lungenkrebs, die insbesondere dem Aufbau regionaler Selbsthilfegruppen in ganz Deutschland gewidmet ist, wurde 2017 mit der Verdienstmedaille des Bundesverdienstkreuzes belohnt.

Lungenkrebs ist mit jährlich rund 54.000 betroffenen Menschen die dritthäufigste Krebserkrankung in Deutschland. Das Zentrum für Krebsregisterdaten beziffert die relative Fünf-Jahres-Überlebensrate bei Männern mit 15 und bei Frauen mit 20 Prozent. Meine Frau hat überlebt. Für uns erwies sich die  Erkrankung als der Beginn eines neuen, intensiven und bereichernden Lebensabschnitts.

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